14.09.2011, 18:27:31 Uhr

Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg in Schramberg +++ Bombe kommt ins Stadtarchiv

Erinnerung an den Bombenangriff vom 21. März 1945

Von Carsten Kohlmann



B-26-Bomber der Groupe Bombardement II/63 „Sénégal“ der französischen Luftwaffe bei einem Angriffsflug.
Foto: Service Historique de l’Armée de l’air.
SCHRAMBERG, 14. September - Der am Samstag bei Bauarbeiten an der Hammerwerkshalde entdeckte Blindgänger ruft in Schramberg die Erinnerung an den schicksalhaften Bombenangriff vom 21. März 1945 zurück. Bei einem Angriff, der den Bahnhof treffen sollte, wurden vier Häuser zerstört und insgesamt 13 Menschen getötet, die ein bis heute vorhandenes Ehrengrab auf dem Friedhof der Stadt Schramberg erhielten. Schrambergs Stadtarchivar Carsten Kohlmann berichtet über den Bombenangriff vor 66 Jahren.


Die Industriestadt Schramberg blieb im Unterschied zu anderen Industriestädten in Südwestdeutschland von den alliierten Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont. Die Uhrenfabrik Gebrüder Junghans, Führungsfirma im Sonderausschuss M IX im Reichsministerium für Bewaffnung und Munition, wäre als Zünderhersteller ein mehr als lohnendes Ziel gewesen, wurde aber bis Kriegsende kein einziges Mal angegriffen, obwohl den alliierten Luftstreitkräften sehr genaue Informationen über die Fabrik und ihre Produkte vorlagen.

In Schramberg glaubte man kurz vor Kriegsende nicht mehr an einen Bombenangriff. Viele Bürger gingen deshalb auch nicht mehr in die zahlreichen Luftschutzräume, sondern blieben in ihren Häusern und Wohnungen.

Am 21. März 1945, einem wunderschönen Frühlingstag, tauchten gegen 15 Uhr aus nördlicher Richtung sechs zweimotorige B-26-Bomber vom Typ „Marauder“ über Schramberg auf, die zur Groupe Bombardement II/63 „Sénégal“ der französischen Luftwaffe gehörten. Die Einheit war Ende 1943 in Nordafrika neu formiert und von der US Air Force ausgestattet worden. Am 9. September 1944 flog sie ihren ersten Einsatz in Italien und kam am 17. Oktober 1944 erstmals gegen Deutschland zum Einsatz. Insbesondere wurden Bahnhöfe angegriffen, um die Infrastruktur zu zerstören.

Am 21. März 1945 erhielt die Einheit den Befehl, den Bahnhof von Riegel von Kaiserstuhl anzugreifen. Im Einsatztagebuch ist zu lesen: „Wetter: Bedeckt […] aber einige Aufhellungen. Die Staffel nimmt den Kampf wieder auf! 45. Einsatz der Staffel […] Die Staffel fliegt. Unser Anführer zwingt uns zum Versteckspiel über den Stratocumuluswolken. Trotz allem kommen wir über Deutschland an – die Ziele sind durch Wolken verdeckt – in einem Wolkenloch: ein großer Bahnhof, der uns gefährlich werden könnte […] Schramberg, ein zufälliges Ziel. Wir bombardieren – gute Ergebnisse […] keine Flak.“

Die um Sekundenbruchteile zu früh ausgelösten Bomben trafen jedoch überwiegend das Wohngebiet an der Hammerwerkshalde und in der damaligen Siedlungs- und heutigen Landenbergerstraße.

13 Menschen starben, mehrere wurden verschüttet und verletzt. Die Namen der Opfer: Julius Mauthe (75), Rosa Mauthe (64), Johanna Hils (32), Gisela Hils (4), Johanna Schneider (50), Maria Schneider (59), Alois Schneider (9), Maria Michaelsen, Maria Wössner (30), Wolfgang Wössner (1), Ingrid Wössner (1 ½ Wochen) und Maria Haas (52).

Nur einige wenige der etwa 20 bis 25 Bomben unterschiedlichen Kalibers schlugen in der Nähe des Bahnhofes ein, der fast unbeschädigt blieb. Das Angriffsgebiet konnte bei Kriegsende nur notdürftig geräumt werden, so dass eine unbekannte Zahl von Blindgängern zurückblieb. Ein erster Blindgänger war bereits im Sommer 1951 beim Wiederaufbau des Wohnhauses der Familie Wössner entdeckt worden. Die nicht explodierte Bombe befand sich unmittelbar bei den Fundamentresten des zerstörten Wohnhauses und wurde zur Entschärfung auf den Truppenübungsplatz Heuberg gebracht.

Der Bombenangriff wurde am 23. März 1945 im “Communiqué 348” des “Supreme Headquarters of the Allied Expeditionary Force” erwähnt, das auch in der “New York Times” zu lessen war, in der Schramberg damals dadurch vermutlich das bis heute einzige Mal erwähnt wurde: „Farther south, in the Freiburg area, medium bombers attacked rail yards at Riegel, west of Emmendingen, and in Schramberg.“

Die Bemühungen des Stadtarchivs Schramberg, den Blindgänger nach der Entschärfung aufgrund seiner stadtgeschichtlichen Bedeutung wieder nach Schramberg holen zu können, hatten bereits Erfolg. Die in Scheiben zersägte und ausgeglühte Bombe wird vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Baden-Württemberg wieder zusammengeschweißt und kann in den nächsten Tagen abgeholt werden. Im Eingangsbereich des neuen Archivgebäudes, in dessen nächster Nachbarschaft diese Bomben fielen, soll der Blindgänger mit einer kleinen Dokumentation die Erinnerung an den Bombenangriff vom 21. März 1945 wach halten. Bei der weiteren Erforschung dieses Themas bittet das Stadtarchiv Schramberg die Öffentlichkeit um Unterstützung. Zeitzeugen, die über ihre Erinnerungen berichten oder Fotos und Dokumente zur Verfügung stellen können, können sich unter Telefon 07422/29263 melden.



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